Im Weidengarten

Lachend renne ich durch den großen Garten hinter unserem Anwesen.
Gejagt von meinem Geliebten verstecke ich mich hinter einem großen alten Baum. Meine Brust hebt und senkt sich schnell mit jedem Atemzug und einzelne Strähnen meiner Haare fallen in meinen Busen, als ich mich zur Seite nach vorn beuge um an der alten Weide vorbei zu sehen.
Suchend flieht mein Blick durch den Garten, doch meinen Gemahl erkenne ich nirgends, weder auf dem schmalen Kiesweg, der von der Veranda durch die Blumen und Büsche führt, noch hinter einem Busch oder Baum.
Gerade als ich mich in Sicherheit wiege und glaube ihn abgehängt zu haben, schlingen sich von hinten zwei Arme um meine Hüften, ziehen mich an sich und heben mich hoch.
Ich lache quietschend und versuche mich aus dem Griff zu befreien. „Lass los! Lass mich runter…“, ertönt meine melodische Stimme durch mein Lachen hindurch. Er lacht ebenfalls und setzt mich behutsam wieder ab.
Seine Arme lösen sich von meiner Hüfte und legen sich um meine Schultern. Er bettet seinen Kopf neben meinem und drückt mich wieder an sich, ich umfasse, die Augen geschlossen seinen Arm, meinen Kopf an seinen gelehnt.
Stumm stehen wir so da, Sekunden, Minuten, Tage, Wochen, Jahre? Ich weiß nicht wie lang, die Zeit ist nicht von Bedeutung, wenn er bei mir ist. Sie ist nur eine Illusion, eine Erfindung, so nutzlos wie sinnfrei und völlig überflüssig. Wir brauchen sie nicht. Nicht, solange wir zusammen sind.
Unsere Zeit bleibt stehen, in diesem Moment der Vollkommenheit, diesem Moment der Liebe und der Zweisamkeit.
Ein Ruf aus dem Haus ertönt und scheint sich durch die unsichtbaren Mauern zu schneiden, welche uns vor der Welt und der Zeit beschützen.
Ich drehe mich zu ihm und kuschle meinen Kopf gegen seine Brust. Ein kleines Pochen ertönt daraus und bringt mich zum Lächeln.
Ich hauche ihm einen Kuss auf die Wange und löse meine Finger von den seinen.
Der schwere Samt meines Kleides wippt auf und ab, als ich zügig der Stimme durch den Garten nach eile.
Alle im Hause anwesenden vernahmen die Worte, die im Streit von Frau Mama und mir ausgetauscht wurden, wir behielten nicht die Lautstärke eines einzigen Raumes. Vor allem meine Stimme war lauter und weiter zu vernehmen…und auch wütender und verletzter.
Stunden ging es so, keiner wagte es sich, die Tür zu unserer Kammer zu öffnen und dem Geschrei ein Ende zu setzen. Letzten Endes wurde das Gespräch, was zum größten Teil von Frau Mama geführt wurde, durch meine impulsive Flucht beendet.
Frau Mama blieb in dem großen, verzierten Raum allein zurück, tat nichts um mich aufzuhalten und auch nichts um mich zurück zu holen. Sie stand dort, allein und traurig auf den Boden starrend.
Leise wiegt sich das Gras sacht im Abendhauch.
Der Weg meiner stürmischen Flucht führte mich durch den Garten, über den Kiesweg, vorbei an den ewig alten Bäumen, bis hin zu einer großen alten Trauerweide, welche an einem kleinen See im hintersten Teil des großen Gartens lebte.
Mein samtenes Kleid viel fluffig und weit um mich herum, als ich mich in das kühle Laub setzte und an die Rinde des sanften Riesen lehnte.
Von Schluchzern geschüttelt hebt und senkt sich bebend mein Busen im Takt meines Atems.
Leise knistern die ersten gefallenen Blätter, als sich jemand sacht dem Baum und mir nähert.
Mein Liebster lässt sich hinter mir nieder, lehnt sich ebenfalls an die Weide und zieht mich an seine Brust.
Wie gelähmt lasse ich mich gegen ihn fallen. Sacht hebt sich mein Kopf, gerade so weit, das sich unsere Blicke treffen. Ich brauche nichts zu sagen, auch er hörte die Worte, welche ich mit Frau Mama wechselte. Auch er weiß, worum es ging. Auch er weiß, das ich nicht befähigt oder gar bemächtigt bin, mich Frau Mama zu widersetzen. Auch er weiß, was das für uns bedeutet.
Sanft drückt er seine Lippen auf meine Stirn. „Ich liebe dich.“, haucht er dabei.
„Ich liebe dich auch.“, flüstere ich schluchzend, während mir eine Träne über die Wange kullert.
Er hebt mein Kinn an und drückt seine Lippen auf meine, erst sanft und vorsichtig, dann liebevoll und bestimmt. Sacht streicht seine Hand über meine Wange. Sie wandert über meinen Busen und das Kleid hinab bis zu meiner Hüfte. Ich erwidere seinen Kuss und drücke mich an ihn. Ich will nicht von ihm weg, nicht von ihm getrennt werden.
So sehr sehne ich mich wieder nach der Unendlichkeit, in welcher wir vor ein paar Stunden noch versanken.
„Warum kann diese Zeit nicht ewig währen?“, frage ich mit zitternder Stimme, als er meine Lippen wieder frei gibt.
„Warte.“, sagt er mit einem Kuss und löst seine Hände von meinen Hüften.
Er beugt sich zur Seite und holt aus einer kleinen Tasche einen Kelch und eine Flasche hervor.
Es riecht nach Wein, als er den Korken zieht und den Becher fast bis zum Rand füllt. Bedacht darauf nichts zu verschütten hält er mir den zierlichen Silberkelch hin, „Trink. Es wird dir gut tun.“
Ich nehme das Glas entgegen, und setze an. Mein Mund verzieht sich leicht als der trockene Wein meine Lippen benetzt.
„Trink aus den Wein.“, deutet er mir, durch eine Geste unterstützt an und ich tue wie mir geheißen. Er nimmt mir den Kelch ab, nachdem ich ihn vollständig geleert habe und verstaut wieder alles in seiner Tasche.
„Du nicht?“, frage ich verwundert.
„Noch nicht.“, antwortet er mit einem leichten Lächeln, es wirkt traurig und entschuldigend.
Dann legt er mich wieder an sich und sein Blick verliert sich in den rauschenden Blättern der alten Trauerweide.
Ich schließe die Augen und lehne mich genießend an ihn. Als ich versuche sie zu öffnen verschwimmt mein Sichtfeld und alles dreht sich leicht. Mir wird schwindelig und schlecht.
„Was war das?“, frage ich schwach zitternd, „Was hast du mir da gegeben? Was hast du getan?“
„Bevor die Blumen welken und Trauer kommt und Leid, bewahre ich die Liebe für die Ewigkeit.“, haucht er mir mit sanfter Stimme ins Ohr.
Verwirrt schaue ich ihn an. Das war es was ich mir gewünscht habe, wonach ich mich sehnte. Doch wie?
Zitternd klammere ich mich an ihn. Das Korsett meines Kleides scheint mir schier die Luft zu rauben und mich nicht mehr Atmen zu lassen.
Das Rauschen der Weidenblätter dröhnt in meinen Ohren, überdeckt jedes andere Geräusch.
Sacht küsst er mich wieder auf meine schwachen Lippen.
„Schließ die Augen. Ich bin bei dir in schwerer Stund, du hast bald keine Schmerzen mehr.“, höre ich das Flüstern seiner liebevollen Stimme durch das dröhnende Rauschen.
Die Dämmerung bricht langsam über uns herein und die Sonne verlässt schleichend dieses Schauspiel.
Als die letzten Strahlen vergehen, füllt er den Schierlingsbecher erneut und lässt das Gift seine eigene kehle feuchten.
Schwach lehne ich meinen Kopf gegen seine Brust, kaum merklich hebt und senkt sich meine Brust bei meinen letzten Atemzügen, nachdem mein Herz vor Stunden seinen Takt verlor.
Das liebevolle Schlagen seines Herzens, welches mit jedem Hüpfer „Ich liebe dich“ rief, war das letzte Geräusch, welches  ich vernahm, bevor mich meine Sinne verließen.
Stumm lächelnd lehnt er mit dem Rücken an der Rinde der alten Trauerweide. Seine Arme liegen leicht auf meinem Körper, welcher an seiner Brust lehnt, sein Kopf liegt sanft in meinem Haar gebettet.
Die Zeit ist nicht mehr von Bedeutung. Sie ist nur eine Illusion, eine Erfindung, so nutzlos wie sinnfrei und völlig überflüssig. Wir brauchen sie nicht. Nicht, solange wir zusammen sind.
Unsere Zeit bleibt stehen, in diesem Moment der Vollkommenheit, diesem Moment der Liebe und der Zweisamkeit.

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