Varieté Obscur

Liebe Leser,

diese Geschichte bezieht sich auf das Lied  Varieté Obscur  von der Band ASP.
Daher würde ich empfehlen sich (wenn man es nicht kennt) erst das Lied anzuhören.

Dafür hier ein Link: ASP – Variete Obscur 
Aber natürlich kann die Geschichte auch ohne Lied gelesen werden.

Damit viel Spaß
~lonelyThought
_________________________

 

Ich trete hinaus in die Nacht. Fülle meine Lungen mit der Kühle der Dunkelheit und lächle. Langsam mache ich mich auf den Weg durch die nebligen Gassen. Zu Tage belebte Straßen, voller Leben. Zu Nacht einsam-leere Pfade, ausgestorben, bewohnt von der Stille. Selbst der Mond, Mutter der Nacht, wendet sein Gesicht ab und versagt den in Nebel getauchten Wegen sein fahles Licht. Stille. Menschenleere Stille begleitet mich durch die Nacht, auf dem Weg zu meinem Begehren.

Klack….Klack…Klack… begleitet mich der Takt meines Stockes bis zu dem kleinen Haus an der Ecke der Straße. Ein unscheinbares Gebäude aus der Zeit der Gotik schließt die Reihe alter Bauten kunstvoll ab. „Varieté Obscur“, verrät die edle, doch schlichte Goldschrift über der hölzernen Tür dem unwissenden Besucher. Die hohen Fenster sind mit schweren Vorhängen verhangen. Im matten Licht der Eisenlaternen an der Außenfassade schimmern die kleinen Figuren im Fensterrahmen. Ich klopfe dreimal mit dem Stock auf den Pflasterstein und die Tür öffnet sich lautlos wie von selbst.

Ich trete in einen kleinen Vorraum. Gedimmtes Licht scheint auf die roten Vorhänge und taucht den kleinen Eingang in ein mystisches Licht.

„Guten Abend mein Herr!“, begrüßt mich ein kleiner Mann in schlichtem Anzug. Er sitzt an einem hohen Podest, auf dem ein Gästebuch ruht.

„Guten Abend Gemeni.“ erwidere ich mit einem leichten Nicken und nehme meinen Zylinder ab.

„Das Übliche mein Herr?“ Fragt der Gnom während er einen noch kleineren Kerl ran zitiert. Ich nicke wieder, leicht lächelnd und gebe dem Kleinen in Pagenkleidung meinen Stock und den bodenlangen Mantel. „Bitte mein Herr, folgen Sie mir.“ Gemeni verlässt seinen Platz und herrscht den Pagengnom an in seiner Abwesenheit Acht zu geben. Dann öffnet er mit einem Arm den Vorhang vor mir. „Bitte mein Herr, nach Euch.“

Ich trete durch den Stoffbehang und begebe mich in den Hauptraum. Die schwere, stickige Luft nimmt mich auf als wäre ich durch ein Tor in eine andere, eigene Welt getreten. Eine Mischung aus Zigarren und Parfum, warmen Licht und buntem Getümmel. Eine junge Dame in kurzem Korsage-Kleid lächelt adrett und reicht mir ein Glas Kir Royal, der Aperitif des Hauses.

Die angeregt plaudernden Grüppchen verstummen, als die Standuhr an der Stirnseite des Raumes mit einem tiefen Gong die 8. Stunde des Tages und den Beginn des Abends einläutet.

Der Direktor durchschreitet die Menge und öffnet die Tür zum Souterrain.

Er bleibt neben der Tür stehen und begrüßt jeden einzelnen seiner Gäste. Die Herren nicken ihm kurz zu und warten auf ihre Damen, denen er einen kurzen Handkuss und einen schelmischen Blick schenkt. Er reicht mir die Hand und wir nicken uns kurz zu. „Willkommen hier im Varieté Obscur!“

Nachdem er den letzten Gast in den Souterrain treten lies wendet sich der Mann im eleganten Anzug an Gemeni. „Verschließe die Tür! Der Einlass endet pünktlich wie immer. Keine weiteren Herren oder Damen finden Einlass zum heutigen Abend.“ Der Gnom verbeugt sich kurz „Sehr wohl Herr Direktor!“ dann wendet er sich ab und herrscht die anderen Bediensteten an.

Ich begebe mich nach unten. Vor mir erstreckt sich ein halbrunder Raum. Die hohe Kuppel-ähnliche Decke wird getragen von den steinernen Wänden. Schwere rote Vorhänge verkleiden die Wände zwischen den Säulen, an denen kleine Laternen hängen. Das Licht ist gedämpft, die Bar neben der Tür kaum beleuchtet. Gegenüber der Bar, mit dem hohen steinernen Tresen nimmt die Bühne die einzig gerade Wand komplett ein. In der Mitte führt sie ein Stück in das Auditorium. Auch die Bühne ist von einem warmen, gedämpften Licht umgeben.

Ich wende mich zur Rechten und begebe mich auf meinen Stammplatz in einer Nische zwischen den Säulen. Schwache, doch beschwingte Musik erfüllt den Raum und ein paar Travestiekünstler betreten tanzend die Bühne. Ich lehne mich in meinem Sessel im Halbdunkeln zurück und lasse meinen Blick durch den Raum schweifen. Die Kunstvolle und liebeslustige Show der adrett und bunt gekleideten Herren auf der Bühne geht wie im Traum an mir vorbei. Der Raum füllt sich, die feinen Damen und Herren begeben sich auf ihre Plätze und Stille kehrt ein. Manch verwunderte Blicke einzelner Gäste verlieren sich zu mir, die einsame Gestalt im Halbdunklen, doch ich beachte sie nicht. Suchend schweift mein Blick durch den Raum, nur einen Gedanken in meinem Kopf.

Lautlos öffnet sich eine Tür an der Bar und livrierte Liliputaner mit großen silbernen Tabletts auf einer Schulter servieren jedem Gast eine blütenreine Pulverfreiration.

Ein junger Gnom unterbreitet mir sein Tablett. Ich winke ab „Danke, Nein.“ Sichtlich verwirrt blickt er mich an „Aber Herr, es ist wie der Champagner im Preis inklusive…“

Als ich dem Neuling Antwort geben möchte mischt sich Gemeni ein, „Gibt es ein Problem, mein Herr?“

„Nein, vielen Dank. Ich wollte Eurem Schützling nur gerade erklären, dass es zwar im Preis inklusiv ist, ich aber kein Interesse am weißen Gold hege. Ich warte nur schon auf die Vorstellung.“

Gemeni nickt und herrscht den Diener für seinen Fehler an. „Darf es sonst etwas sein, mein Herr?“ „Dasselbe wie sonst.“

„Sehr wohl, mein Herr!“ Gemeni verlässt zusammen mit dem Diener meinen Tisch.

Nach fünf Minuten kehrt ein neuer Diener zurück. Er platziert ein kunstvoll geblasenes, dünnes Glas auf dem Tisch und gießt einen Drittel La fée verte hinein. Dann legt er zwei Stück in Absinth getränkten Zucker auf einen Löffel und zündet sie an. Der karamellisierende Zucker wirft Blasen und tropft langsam in das Glas. Die darin befindliche grüne Fee entzündet sich. Die Flamme flackert in einem tiefen blau auf und lässt kleine Schatten um das Glas tanzen. Der Diener löscht die Flamme langsam mit Eiswasser und verbeugt sich bevor er meinen Tisch verlässt.

Ich nippe an dem Absinth und lasse ihn langsam, genießend meine Kehle hinunter gleiten. Die Travestiekünstler beenden ihren Tanz und verlassen die Bühne. Das Licht wird gedimmt und die eigentliche Show beginnt. Die Uhr schlägt zur 10. Stunde des Tages. Schon zwei Stunden sind vergangen und langsam werde ich unruhig. Die Sehnsucht nagt an meinen Nerven. Wo bleibt sie nur? Ich schaue mich weiterhin im Raum um. Kaum einer sieht sich die Show wirklich an, sie wurde schon zu oft gespielt und so verkommt die Sensation zur Nebensächlichkeit.

Godeaux, die Schlange genannt kriecht auf die Bühne. Er windet sich um die Stangen an den Ecken der Bühne, schlüpft durch die kleinsten Ritzen und verbiegt seinen Körper auf das unvorstellbarste. Manch feine Damen sind sichtlich angetan vom Winden und Räkeln des Schlangenmannes. Im vermeintlichen Schutze der Dunkelheit gleitet so manche Hand am eigenen Körper auf Abwege.

Auch ein Teil der Herren kann ihre Lust kaum Zügeln. Die kostenfreie Pulverration entfaltet ihre Wirkung mal wieder mehr als pünktlich. Godeaux räkelt sich an den Stangen empor und spielt mit seinen Zuschauern. Ich lehne mich tiefer in meinen Sessel und nippe noch einmal an meinem Glas. Unruhig rutsche ich hin und her. Die Show der Schlange hat mein Interesse schnell verloren.

Die Zeit vergeht, doch noch immer keine Spur von ihr. Als aufmerksamer Jäger schweift mein Blick während Godeaux unter Applaus die Bühne verlässt und die bärtige Dame in einem schweren, dunklen Kleid ins Licht tritt. Als die ersten Töne ihres glockenhellen Gesangs im Auditorium verhallen erblicke ich sie endlich. Trotz meiner Obacht bemerkte ich weder wann, noch wie sie das Auditorium betrat. Doch dies ist nun auch nicht wichtig, sie ist da und so nah..

Manch Gast, der ihr Erscheinen ebenfalls nicht zu bemerken schien reist kurzfristig seine Hand zurück. Lächelnd steht sie da an dem Tisch, der Herr vor ihr starrt sie wie gebannt an. Gab es jemals einen, der sich ihrer endziehen konnte? Sie lächelt, so strahlend als wäre sie das Licht selbst. Ihre Augen leuchten dabei und ihr lockerer Zopf wippt leicht hin und her.

Mit dem Warenkorb vor dem Bauch läuft, nein sie läuft nicht, sie schwebt, leicht und beschwingt. Sie schwebt zwischen den Sesseln und Tischen umher. Zigarren, Zigaretten und mehr, was man so braucht, wenn sich die Nacht dem Höhepunkt zuneigt zeigt sie mit einer Engelsgeduld jedem einzelnen Gast. Der Duft ihres sanften Parfums nimmt mich in sich auf, als sie endlich in meine Richtung kommt. Ihr Korsage-Kleid, als einziges mit rotem Stoff unter der schwarzen Spitze wippt leicht an ihren schlanken Beinen, mit jedem Schritt den sie näher kommt. Ihre Brüste liegen rund und schön im Körbchen der Korsage, eine schmale Kette umspielt ihren Hals und versteckt den Anhänger zwischen ihren Brüsten. Ihre Erscheinung hat mich ganz in sich aufgenommen, das restliche Geschehen des Abends geht an mir vorbei ohne einen Hauch von Erinnerung zu hinterlassen. Jack der Wolfsmensch heult auf. Mein Körper zittert unter ihrem hinreißenden Blick. Alle Härchen aufgestellt ergreift mich ein Gefühl der Machtlosigkeit. Voll und ganz bin ich dieser mysteriösen Schönheit von Frau verfallen. Nur sie ist der einzige Grund, warum ich jeden Abend dieses Etablissement aufsuche. Emma. Keinen Ton bringe ich zustande als meine Lippen wie in Trance ihren Namen formen. Emma. Die Schöne, die Mächtige, die Göttliche.. ganz, allumfassend.. Emma..

Keine sonst in der Welt der feinen Gesellschaft hätte diesen Namen mehr verdient, könnte ihn mit mehr Recht tragen. Emma. Meine kleine Göttin.. Kleine süße Göttin.. Kleine süße Emma..

Sie schaut mich an und ihr Blick scheint durch meine Augen hindurch in mein Herz zu sehen und meine Seele zu erblicken. Nackt und hilflos stehe ich vor ihr in diesem magischen Moment als unsere Blicke sich treffen. Nicht zum ersten Mal spüre ich diese herzzerreißende Explosion in meiner Brust. Seit jeher komme ich jeden Tag, jede Nacht in dieses Etablissement. Nicht wegen der Show, der Ware oder den Kuriositäten, nicht um den Alltag mit Stock und Frack an der Garderobe abzugeben, wie all die anderen. Nein.. nur für sie. Der Erfüllung meiner endlosen Sehnsuchtsträume..

Wie oft verharrte ich in einem solchen Moment meine liebste Emma? Wie oft spürte ich diese Tiefe in unseren Blicken? Wie oft sahst du in meinen Augen wie es mich zerreißt?

So oft.. Kleine süße Emma.. so oft..

Ihr verstohlener Blick bohrt sich in meine Seele, erweckt mein tiefstes Verlangen. Als sie an mir vorbei geht reicht sie mir ein kleines Streichholzbriefchen. Mein Blick ist noch eine Weile gebannt von ihrer Schönheit, ehe ich mich losreißen kann. Mit zittrigen Fingern öffne ich das Briefchen. Ein wohliger Schauer fährt mir durch die Glieder als ich im Schummerlicht die Worte ihrer schönen Schrift entnahm. „Triff mich später, hinter der Tapetentür.“

Keine Stunde hält es mich mehr auf meinem Platz. Ich lehre mein Glas in schnellen Zügen und während des Beifalls und des Jubels für eine weitere Kuriosität des Hauses Obscur stehle ich mich im Schutz des Halbdunklen davon.
Lautlos öffne ich die geheime Tür hinter dem Wandbehang und trete in die Dunkelheit. Da ist sie.. so wunderschön.. und endlich.. endlich mein…

Kleine „oh!“ Göttin „ah!“ Kleine süße Göttin! Kleine „oh!“ Göttin „ah!“ Schöne Göttin!
Hat man dir denn nicht erzählt, dass man keine Menschen quält?
Kleine „oh!“, kleine „ah!“ Kleine süße Emma, ja..

11 Kommentare zu „Varieté Obscur

    1. Ja, Novel Gothi Rock ist nicht jedermans Sache, das weiß ich^^ Aber schön, dass du dich trotzdem darauf eingelassen hast 🙂

      Danke, das war mir sehr wichtig!

      Gefällt mir

  1. Liebe Tilly,

    ich kann mich meinen Vorrednerinnen nur anschliessen. Eine wirklich tolle Geschichte, atmosphärisch und magisch.

    Ich kann also nur sagen, weiter so 😉

    Herzlich
    Alexandra

    #Bloggernetzwerk

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