Der letzte Kuss

Leise rauschen die Blätter, als der flüsternde Abendwind durch den Wald weht. Der morsche Geruch des Holzes unter mir wird zu mir hoch getragen und reist mit dem Wind in die Ferne. In strahlender Schönheit verzaubert mich diese kleine Unendlichkeit. Fernab alles Schnellen, tief im Wald zwischen den Bäumen und dem Unterholz. Ich lehne mich auf dem umgefallenen Baum zurück und richte meine Aufmerksamkeit auf die Geschichten, die der Wind aus fremden Welten zu mir trägt.

Kleine Äste knacken, als er sich leise neben mich und den Baumstamm stellt. Langsam richte ich mich auf und lehne mich an seine Brust. Ich lausche seinem Herzschlag, seiner eigenen wunderschönen Melodie des Lebens, während seine Finger sachte über meine Haut streichen.

Hier im Wald stehen wir. Allein in unserer eigenen kleinen Welt. Eine Welt, die nur für Minuten, Sekunden gar besteht. Eine Welt, die für die Ewigkeit gemacht ist, eine kleine Unendlichkeit.

„Darf ich dich noch ein letztes Mal küssen?“, schleicht der Klang seiner Stimme durch die Umarmung an mein Ohr.

Ohne zu zögern drehe ich den Kopf und lege meine Hände auf seine Brust. Vorsichtig und Liebevoll presst er seine Lippen fast schon gierig auf meine. Sehnend sucht meine Zunge seine und wir verlieren uns, durch einen Käfig aus glitzernden Sonnenstrahlen in unserer kleinen Unendlichkeit gefangen in einer küssenden Umarmung.

Sekundenlangsam trennen sich unsere Lippen und schützend drückt er mich an seine Brust. Kaum merklich bebt sein Körper und Tränen benetzen meine Haut.

„Warum weinst du?“, flüstere ich an sein Ohr.

„Wahrscheinlich, weil ich weiß, dass ich dich nie wieder so küssen werde.“, bringt er leise zwischen seinen Schluchzern hervor.

Ich wische seine Tränen weg und gebe ihm einen Kuss auf die Wange. „Weine nicht, weil es vorbei ist. Sondern lächle, weil es schön war.“

Stumm setzt er sich neben mich auf den toten Baum, der voller Leben steckt. Ich bette meinen Kopf wieder auf seiner Brust, lausche wieder seiner eigenen wunderschönen Lebensmelodie. Sehnend suchen seine Hände die meinen und in einer kurzen endlosen Umarmung verschränken sich unsere Finger. Da liegen wir. Gemeinsam abgetrennt vom Rest der Welt, in unserer eigenen still verstreichenden Ewigkeit. Eine Welt, die nur für Minuten, Sekunden gar besteht. Eine Welt, gemacht für die Ewigkeit, eine kleine Unendlichkeit.

Manche Unendlichkeiten sind größer als andere.

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