Ein Hauch von Romantik

Langsam stelle ich das Glas auf den Tisch und gieße tiefroten Wein hinein. Dann laufe ich ins Bad. Prasselnd läuft das Wasser in die Wanne. Der Klang hat etwas Stetiges und wirkt beruhigend auf mein zerwühltes Gemüt. Kleine Dampfschwaden steigen auf, der Spiegel ist mittlerweile schon völlig blind. Als ich ein Streichholz anzünde vermischt sich der Jasmingeruch vom Schaumbad mit dem kohligen Duft der kleinen Flamme. Behutsame gehe ich durch den Raum und zünde die vereinzelten Kerzen an. Die Flammen zucken und tanzen angeregt durch den Luftzug, den ich im Vorbeigehen auslöse. Als die letzte Kerze brennt puste ich das Streichholz aus und schalte das Licht aus. Ein warmer Schein taucht das Badezimmer in einen Hauch von Romantik. So hatte ich es mir all die Jahre ausgemalt. Ein Hauch von Romantik. Ich hole das Glas und stelle es auf eine kleine Ablage neben der Wanne. Dann schalte ich die Musik ein. Es ist nur ein Lied in der Playlist. Mehr brauche ich nicht, nur dieses eine Lied, immer wieder. Mit den ersten Tönen der Gitarre gleiten meine Kleider zu Boden und ich stehe nackt da. Schutzlos, hüllenlos, echt. Umringt von einem Kranz aus verschiedensten Kerzen. Kleine, Große, Dicke, Dünne und ein paar vereinzelte Teelichter. Trotz ihrer Zahl schaffen sie es nicht den kleinen Raum zu erleuchten. So werfen sie meine verzerrte Silhouette an die Wände und lassen sie im Takt der Musik tanzen. Ich schließe die Augen und Atme ein. Der Duft von Jasmin, Wachs, Wasser und Feuer umhüllt mich und füllt meine Lungen. Das Wasser läuft weiter als ich mein Bein über den Wannenrand hebe und meinen Fuß langsam in das heiße Nass gleiten lasse. Ich zucke kurz, als sich die Hitze in mir festbeißt. Mit der zweiten Strophe des Liedes gleite ich langsam in die dampfende Wanne. Jeder Zentimeter meiner Haut brennt unter der Berührung. Es ist ein warmes, wohliges Brennen. Ich schließe die Augen und unterdrücke ein schmerzliches Stöhnen während ich völlig in den hitzigen Fluten verschwinde. Als würde die Hitze des Wassers mich verzehren brennt das nasse Feuer auf meiner Haut, schlängelt sich in meine Glieder und stiehlt sich in meine Brust. Als ich wieder auftauche schnappe ich hektisch nach der viel zu stickigen Luft. Atmen. Leben. War es nur ein Reflex, der mich aus der klammernden Umarmung der nassen Hitze trieb oder war es doch der Wille zu leben? Der Klang der Musik dringt durch die Nebelwand meiner Gedanken, gräbt sich in meine Seele und lässt mein Herz bluten. Nein, der Wille kann es nicht gewesen sein. Ich seufze und lehne mich zurück. Schwerfällig schließe ich meine Lider und konzentriere mich auf die Hitze, die meine Glieder erregt und die Musik, die mir Löcher in meine taube Brust zu fressen scheint. Genau so habe ich es mir vorgestellt. Ein warmes Bad, Kerzenschein, ein Glas Wein. Gesellschaft einzig und allein durch die Musik, die mein Herz zerreißt. Eingehüllt in einen Hauch der Romantik. Unweigerlich muss ich lächeln. Es ist ein schiefes, schwaches Lächeln. Kaum mehr als ein Zucken meiner Mundwinkel. All die Jahre hatte ich Angst vor diesem Moment. Fürchtete mich vor der Tat, fürchtete mich davor wie es sein würde. All die Jahre hielt mich diese Angst davon ab es zu tun. Ich war doch so blind. All die Jahre hielt mich meine Angst davon ab Erlösung zu finden. Freiheit zu spüren. Nichts. Nichts wünschte ich mir sehnlicher als diesen Moment. Als ich mich endgültig dazu entschieden hatte fiel die Angst einfach von mir ab. Ich war bereit. Endlich war ich bereit. Die Angst wich einem Verlangen, so sehnsuchtsvoll und erdrückend. Es trieb mich regelrecht dazu. Und doch konnte ich es nicht einfach so tun. Es musste etwas Besonderes sein, es musste etwas Schönes sein. Es sollte nichts von dieser lähmenden Angst enthalten, die mich all die Jahre gefangen hielt. Es sollte… ein Hauch von Romantik sein. Wieder lächle ich schwach. Der bittere Geschmack des Weines benetzt meine Lippen als ich das Glas ansetze. Mit einem Zug trinke ich die Hälfte. Der trockene, bittere Geschmack legt sich auf meine Zunge. Der Wein in meiner Kehle fühlt sich kalt an im Vergleich zum Wasser, in dem ich liege. Eine Träne rinnt meine Wange hinab als die dritte Strophe angesungen wird. Die Musik füllt den Raum und lässt kaum Platz für etwas anderes. Sie umhüllt mich, nimmt mich in sich auf und trägt meinen Geist hinaus. Eine weitere Träne. Ich muss es nicht tun. Schwer wie der Wein legt sich der Gedanke auf meine Brust. Mein Brustkorb spannt und jeder Herzschlag gleicht einem verzweifelten Versuch, dem knöchernen Gefängnis zu entfliehen. Ich muss. Meine Gedanken kreisen, wirr wie die zitternden Flammen und huschenden Schatten im Raum. Hadere ich mit mir selbst? Ist es die Angst, die mich überkommt? Oder der Lebenswille? Nein, der Wille kann es nicht sein. Ich muss. Ich bin so weit gekommen. Jetzt aufgeben? Wegen ein paar Zweifeln? Nein, das kommt nicht in Frage. Es gibt keine andere Möglichkeit mehr. Ich habe diesen Weg gewählt und nun muss ich ihn auch bis zum Ende gehen. Ich bin so weit gekommen. Anders geht es nicht mehr. Der Bass der Musik übertönt jeglichen Schluchzer und ertränkt ihn im Dampf des Wassers. Ein weiterer Schluck Wein rinnt meine Kehle hinab. Zum wievielten Mal versuche ich es jetzt? Irgendwann hatte ich aufgehört zu zählen. Es heißt doch, man solle gehen, wenn es am Schönsten ist. Was, wenn man über diesen Punkt bereits hinaus ist? Meine Gedanken kreisen um sich selbst, stoßen zusammen und bilden neue, wirrere Gedanken. Die Musik dröhnt in meinen Ohren. Von Hitze und Alkohol geschwächt liege ich reglos im klaren Wasser. Die Flammen der Kerzen zucken und winden sich, als würden sie fliehen wollen. Als würden sie nicht Zeuge sein wollen. Doch sie werden zusammen mit mir erlöschen. Schwerfällig und langsam greife ich nach der Klinge, die neben dem Weinglas liegt. Sie ist beschlagen und nass. Gleich ist es vorbei. Ich wische die Tropfen weg und erblicke meine Spiegelung im filigranen Metall. Verschwommen und durcheinander starre ich auf die junge Frau. Ihre Haare kleben nass und wirr an ihrem Gesicht. Die Augen tränenrot. Ihr Blick ist verwaschen, verwirrt und leer. Mein Atem geht schwer und stoßweise. Der Raum, heiß und flirrend dreht sich wie ein Karussell. Ich will aussteigen. Ich will es anhalten und endlich aussteigen. Mein Herzschlag pocht in meinem Kopf. Schlägt mit jedem Pumpen gegen meine Schädeldecke. Wieder schüttelt ein Schluchzer meinen Körper durch. Ich lehne mich zurück und mein Blick verliert sich in den flackernden Flammen. Als das Lied zum fünften Mal einsetzt leere ich das Weinglas und lasse es neben die Wanne fallen. Dumpf landet es auf dem Läufer. Langsam hebe ich die silberne Klinge und setze sie auf meinem Handgelenk an. Mit Beginn der ersten Strophe ziehe ich so langsam, wie der Sänger die Worte, die Klinge über meine Haut. Mit jedem Takt fließt ein tiefdunkler Tropfen meines Blutes aus meinem Arm. Ich atme scharf ein als der Schmerz durch meinen Arm in meinen Kopf fährt. Zitternd setze ich wieder an, diesmal auf meinem anderen Arm und ziehe, im Takt der Strophe die Klinge durch meine Haut.

I hurt myself today
To see if I still feel
I focus on the pain
The only thing that’s real

Das Wasser um mich herum färbt sich langsam hell rot. Dunkle schlieren ziehen sich hindurch. Ich sacke zusammen und lege meinen Kopf in den Nacken. Schwer und stockend atme ich die stickige Luft ein. Meine Arme fallen schwach auf den Wannenrand, der Linke baumelt sacht neben der Wanne, während das Blut mit jedem ersterbenden Herzschlag aus meinen Venen gepumpt wird.

What have I become
My sweetest friend
Everyone I know
Goes away in the end

And you could have it all
My empire of dirt
I will let you down
I will make you hurt

Langsam fällt mein Kopf zur Seite und im Takt des Refrains verlässt mich das Bewusstsein. Die Klinge, blutig rot, rutscht aus meinen Fingern und fällt klirrend auf das Glas am Boden. Endlich. Mein Mund verzieht sich noch einmal zu einem schwachen Lächeln. Umringt von Kerzen, die eine flackernde Silhouette an die Wand werfen. Versunken in der warmen Umarmung des Wassers. Genau so habe ich es mir vorgestellt. Ein warmes Bad, Kerzenschein, ein Glas Wein. Gesellschaft einzig und allein durch die Musik, die mein Herz zerreißt. Eingehüllt in einen Hauch der Romantik…

If I could start again
A million miles away
I would keep myself
I would find a way

3 Kommentare zu „Ein Hauch von Romantik

  1. Ich liebe dich dafür.
    Für die kleinen malerischen Bilder die du in eine graue Geschichte setzt.
    Die Schwankungen die so eine natürliche Ungleichmäßigkeit haben.
    Danke, danke, danke, danke.

    Gefällt 1 Person

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