Der Wald

Auf meiner Reise, von meiner beschaulichen Heimat in die undurchdringlichen Wirren einer großen Stadt kam es, dass ich eines Tages bei Einbruch der Nacht durch einen tiefen Wald zog. Die hohen Kiefern standen schier wahllos verstreut, mal dicht beieinander, mal ließen sie dem Blick einige Meter weit Raum. Der Wald wirkte unwirklich. Die Bäume zu dunkel, das Gestrüpp, welches sich dazwischen rankte, wurde immer trockener und lebloser, je tiefer ich in den Wald vordrang. Eine rauschende Stille schien die Luft flirren zu lassen. Nur das Knacken der morschen Äste unter meinen Füßen durchbrach die fehlende Geräuschkulisse. Die Menschen der Dörfer warnten mich davor, des Nachts durch den finsteren Wald zu ziehen, doch ich tat ihre Warnungen ab, schrieb sie dem uralten Aberglauben zu, der noch immer in diesen abgelegenen Gebieten herrschte. Wer könnte es mir verdenken? Wir befanden uns in einer Zeit des industriellen Aufschwungs. Geister, Hexen, Flüche und tierisch verformte Schattenwesen waren zu Ammenmärchen verkommen. War es nicht wissenschaftlich belegbar, so war es kein Teil der realen Welt, nur Hirngespinste zurückgebliebener Hinterwäldler. Und ich war ein Mann der Wissenschaft.

Mit fortschreitender Nacht wurde der Weg immer holpriger und undurchdringlicher. Irgendwann wurde der Wald so dicht und schwarz, dass ich selbst die Hand vor Augen nicht mehr sehen konnte. So blind und taub irrte ich zwischen den Bäumen umher und versuchte am Knacken der toten Äste den Weg nicht zu verlieren. Ich weiß nicht wie lang ich so umhertrieb. Mein Schädel dröhnte. Durch die fehlenden Sinneseindrücke begann ich zu taumeln. Schwindel überkam mich. Die nagende Dunkelheit schien mich um den Verstand zu bringen. Verzweifelt begann ich in den dichten Wald zu rufen. Manchmal war ich mir nicht sicher, ob da jemand war, der mir antwortete oder ob meine Stimme bloß von den Bäumen zu mir zurückgeworfen wurde. Als ich schwer atmend und zitternd an einem Baum zu Boden sank – meine Brust hob und sank unkontrolliert, sie schien schier zerbersten zu wollen und ich klammerte mich dicht an den Baum, da mein Tastsinn als einziger noch zu funktionieren schien – fiel plötzlich ein flacher, weißlicher Lichtstrahl in meine Finsternis. Noch immer konnte ich keine Konturen erkennen und die Bäume bildeten eine dichte, wabernde Masse. Mein irrer Blick folgte dem Licht und ich erkannte das kalte, tote Antlitz des Mondes zwischen den kahlen Ästen einiger Tannen. Getrieben von einer unbestimmten Hast sprang ich auf die Beine und rannte auf das kalte Licht zu. Es musste ein schauriges Bild geben. Ein verwirrter junger Mann, der schreiend durch den Wald stolperte und schwer atmend zwischen den Bäumen umher hetzte, als er das kahle Bild des bleichen Mondes hoch über sich gewahr wurde.

Orientierungslos stolperte ich durch das Geäst, bis im fahlen Licht des Mondes etwas blitzte. Schwer atmend blieb ich zwischen den Bäumen stehen. Meine Brust schmerzte, irgendetwas stach mir mit jedem Herzschlag in die Rippen. Schweiß rann meinen Rücken hinunter, meine Kleider waren verdreckt, teilweise zerrissen und klebten an meinen Gliedern. Auch meine Haare klebten schweißnass an meiner Stirn. Wie im Fiebertraum taumelte ich auf die Hütte zu, die in mitten einer Lichtung vom Mond erstrahlte. Hatte er mich absichtlich hier her gelotst? Warum stand mitten in diesem surrealen Wald eine Hütte? Wer würde sich länger in diesen irren Gefilden aufhalten wollen? Wie von einer fremden Macht ferngesteuert näherte ich mich der Hütte. Aus der Nähe erkannte ich, dass es mehr als eine Hütte war. Die Größe entsprach weniger einer Waldhütte, als vielmehr einem Einfamilienhaus. Froh darüber, in diesem verfluchten Wald nicht allein zu sein und einen offensichtlichen Rückzugsort für die Nacht gefunden zu haben interessierte mich die Frage nach der durchschnittlichen Größe einer Holzhütte im Wald jedoch nur minder. Die Diele knarzte leicht, als ich die Veranda betrat. Verwirrt sah ich mich um. Wie war ich auf die Veranda gelangt? Ich erinnerte mich nicht die Lichtung überquert zu haben. Mit zittrigen Fingern klopfte ich leis an die Tür. Das Klopfen dröhnte in meinen leeren Ohren. Überrascht stockte mir der Atem, als sich die Tür lautlos öffnete. Kein Ton war von drinnen zu vernehmen, weder Stimmen, noch Schritte kündigten die alte Frau an, die hinter trüben runden Brillengläsern zu mir hochsah. Sie war einen guten Kopf kleiner als ich. Die Falten, die ihr Gesicht bedeckten machten es schwer, ihr ein irdisches Alter zuzuordnen.

„Ha-l… gut-en A-abend.“, stammelte ich mit brüchiger Stimme. Ihr Blick schien in mich hinein zu sehen, dann trat sie wortlos zur Seite und ließ mich eintreten. Von da an überschlugen sich die Ereignisse. Ich folgte dem kleinen Flur in ein ausladendes Wohnzimmer. In einem Sessel am glimmenden Kamin saß eine Gestalt. Ich ordnete meine Haare und beruhigte meinen Atem, bevor ich mich in ihr Blickfeld begab. Die Gestalt entpuppte sich als ein junger Mann. Ich nahm in dem kleinen Sessel neben ihm Platz und starrte in den Kamin. So saßen wir für einige Zeit nebeneinander, starrten in die verglimmende Glut und sprachen kein Wort. Es war nicht nötig. Als ich ihm in der Geste einer kurzen Begrüßung in die Augen sah, sah ich wie durch gebrochenes Glas in die meinen. Sah den Schrecken, dem ich in der Dunkelheit zwischen den Bäumen begegnet war. In diesem Blick teilten wir die Ereignisse, die uns durch den Wald zu dieser Hütte geführt hatten.

Die Hausherrin ließ sich nicht mehr sehen. Ich wusste nicht, in welches Zimmer sie sich zurückgezogen hatte – geschweige denn warum – und ich fühlte mich auch nicht danach, ihre Ruhe zu stören um der Frage auf den Grund zu gehen. Der junge Mann, dessen Namen ich noch immer nicht kannte, war in Begleitung eines Mädchens. Sie zählte augenscheinlich wohl kaum mehr als das dreizehnte Jahr. Warum der Herr, der die weiße verblichene Kleidung einer alten Mönchsgemeinschaft trug, mit dem, von der Gestalt ihres Kleides wohlhabenden Mädchen unterwegs war blieb mir ebenfalls unbekannt. Wir sprachen kein Wort, die ganze Zeit, die wir dort am Kamin verharrten und auch nicht, als wir uns dazu entschieden, zu Bett zu gehen. Nur durch Blicke kommunizierten wir, keiner war in der Lage den Mund zu öffnen, dem Schrecken Worte zu geben. Fast so als hätten wir unsere Sprache, unsere Stimmen beim Eintreten am Portal des Hauses zum Pfand hinterlegt.

Ich weiß nicht, wie lang ich in einem Zimmer der oberen Etage versuchte unruhigen Schlaf zu finden, als mir ein spitzer Schrei durch Mark und Bein fuhr. Das erste Geräusch, welches ich seit meiner Ankunft in dieser Hütte vernahm und es ließ mich erstarren. Wie Stunden, Tage gar, fühlten sich diese Sekunden an, die ich im verhallenden Klang wie eingefroren war. Die Kontrolle über meine starren Glieder zurück erringend schlug ich die klamme Decke von mir und sprang aus dem Bett, polterte die Treppe hinunter und stolperte in das dunkle Wohnzimmer. Gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie ein Mann von großer Statue mit dem Mädchen rang. Der Schrei kam aus ihrem Mund, den sie vor Angst weit aufgerissen hatte. In dem Moment, als ich ihr zu Hilfe eilen wollte zerriss ein erneutes Geräusch die Stille. Ein lauter Knall brummte in meinem Brustkorb nach und die Gestalt, welche das Mädchen umfasste sackte leblos zusammen. Sie keuchte und weinte. Ich ging an ihrer Seite auf die Knie, zog sie von der Leiche weg und hielt sie schützend in meinen Armen. Zitternd klammerte sie sich an mich und weinte keuchend. Suchend sah ich mich um. Wo war der Schuss hergekommen? Als ich den am Boden liegenden Mann begutachtete rieselte Putz von einem kleinen Loch in der Decke. Das Kind folgte meinem Blick an die Decke, dann rannte sie verstört aus dem Zimmer. Ich folgte ihr nach oben. In der oberen Etage angekommen stürmte uns der Mönch aus seinem Zimmer entgegen. „Kam der Schuss von dir?“, fragte ich mit zitternder Stimme, doch er verneinte, „Aber… woher kam er dann?“ Wir sahen uns unschlüssig an. Das Mädchen klammerte sich an die Hand des jungen Mönchs. Ich überlegte kurz, wo das Wohnzimmer ist und ging zu dem Raum, der folglich genau darüber sein musste. Es war das Zimmer der Hauseigentümerin. Die Tür stand offen. Wir betraten den Raum und sahen uns um. Im Boden, im Teppich war ein kleines Loch. Ich kniete mich hin und begutachtete es. Der Teppich war ausgefranst und wirkte angesenkt, das Holz darunter war gesplittert und das Loch schien durch den gesamten Boden zu gehen. Kein Zweifel, der Einbrecher wurde durch die Decke des Wohnzimmers aus der oberen Etage erschossen. Ich blickte zu dem jungen Mann neben mir, als das Mädchen begann an seiner Kutte zu zupfen. Er beugte sich zu ihr runter. „Wo ist der Zweite?“, flüsterte sie mit brüchiger Stimme. Ich sah sie mit großen Augen an. „Der Zweite? Es sind zwei Einbrecher?“ Sie nickte stumm. Ich wechselte einen kurzen Blick mit dem jungen Mann, dann begannen wir das Haus zu durchsuchen. Langsam ergab nichts mehr einen Sinn. Dieses Haus schien ein eigenes Leben zu haben. Es schien zu atmen und sich den Menschen, die sich in ihm aufhielten bewusst zu sein. In jedem Raum, in dem ich nach dem zweiten Einbrecher suchte spürte ich abertausende Augen, die auf jeder meiner Bewegungen ruhten. Ich fühlte mich nicht wohl. Fühlte mich, als sei ich selbst ein Eindringling, der nicht hier sein sollte. Wir suchten eine gefühlte Ewigkeit. Hätte ich die zehrende Dunkelheit und den blassen Mondschein nicht durch jedes Fenster gesehen, hätte ich schwören können, dass die Nacht schon längst hätte vorbei sein müssen. Wie lang befanden wir uns nun schon in dieser lebendigen Hütte in diesem irrealen Wald? Ich spielte mit dem Gedanken, dass Haus wieder zu verlassen. Einfach wieder zu gehen und durch den Wald zu gehen, bis ich ihn durchquert habe, oder die Nacht endlich vorbei wäre. Doch blickte ich durch ein Fenster in die Dunkelheit des Waldes, fühlte es sich so an als sähe diese Dunkelheit durch die Scheibe zurück in mich hinein. Ich fühlte mich wieder benommen und verwirrt, Schweißtropfen bildeten sich auf meiner Stirn und rannen meinen Rücken hinab. Meine Finger begannen zu zittern, mein Blick zu flimmern und eine betäubende Stille dröhnte in meinen Ohren. Wieder und wieder zwang ich mich dazu, mich vom Bann des Waldes loszureißen und Schutz in den atmenden Eingeweiden der Hütte zu suchen. Nachdem ich zweimal durch alle Räume gegangen bin, begab ich mich zurück in die obere Etage. Der Mönch kam mir aus einem der oberen Zimmer entgegen. „Nichts.“, sagte er mit kehliger Stimme und zuckte die Schultern. „Nichts.“, entgegnete ich und ließ mich neben das Mädchen auf mein Bett fallen. Nichts. Weder der zweite Einbrecher, noch die Hausherrin waren in irgendeinem der Räume aufzufinden. Hatten sie beide die Hütte verlassen? Aber warum? Steckten sie unter einer Decke? Oder hatten sie gegenseitig Angst voreinander? Wer hatte den Mann im Wohnzimmer erschossen? Die alte Dame? Oder gar sein Kumpane? Ich verbarg mein Gesicht in meinen Händen und seufzte leicht. Mein Kopf schwirrte und erneut drohte ich dem Schwindel zu erliegen. Das ergab alles keinen Sinn. Was ging hier nur vor?

„Hast du auf dem Dachboden nachgeschaut?“, riss mich der Mönch aus meinen Gedanken. „Was…? D-der Dachboden…?“, antwortete ich verdaddert. Die Existenz eines Dachbodens war mir völlig unbekannt. Langsam schüttelte ich den Kopf. Der Mönch sah mich an. „Komm.“ sagte er und ging in einen Raum, der nur durch das Zimmer der Hausherrin zu erreichen war. Hatte er hier schon nach dem Einbrecher gesucht? Der Raum war mir völlig neu. Ich folgte dem jungen Mann in die dunkle Kammer. Unweit des Eingangs war eine Falltür in die Decke eingelassen. Wir starrten nach oben, während der Mönch die Tür öffnete. Er bedeutete mir mit dem Mädchen dort zu warten. Als er durch die Falltür in der Decke verschwand ertönte eine Stimme hinter mir. „Ich würde da nicht hoch gehen.“, dröhnte eine ruhige, samtige Stimme im Raum. Ich drehte mich um und blickte durch die runden Brillengläser hindurch in die Augen der Hausherrin. Wo kam sie plötzlich her? Wo ist sie die ganze Zeit gewesen? Ungläubig sah ich sie an, gebannt von ihrem Blick. Auch das Mädchen konnte nicht anders, als sie anzustarren. Langsam spürte ich, wie sich der schwere, schweigende Mantel wieder über mich legte, der mich nach Eintritt in diese Hütte eingelullt hatte. Die unendlich alte Frau betrat den Raum und lief um uns herum. Sie schüttelte langsam den Kopf. „Ich habe Ihnen ein Dach gegeben. Ein Bett. Ein Ort zum Verweilen. Und was bekomme ich dafür? Tze tze tze…“

Sie holte einen kleinen Beutel unter ihrem Gewand hervor und schüttete den Inhalt auf einen Tisch in der Mitte des Raumes, in den eine kleine Mulde eingelassen war. Ich erkannte darin das bisschen, was ich mein Hab und Gut nannte. Sie lachte, laut und fast schon hysterisch. Mir schwirrte der Kopf. Was passierte hier? Wo war ich hier reingeraten? Ich wollte auf sie zu rennen, doch bewegte ich mich nur quälend langsam auf sie zu. Das Mädchen begann unkontrolliert zu weinen. Ich hörte die Schritte des Mönchs über uns. Es klang als würde er ständig von einem Ende des Dachbodens ans Andere rennen. Doch waren da mehr als nur seine Schritte. War der andere Einbrecher dort oben? Kämpften sie? Ich riss mich von meinen kreisenden Gedanken los und starrte auf die alte Frau. Ihr Gesicht war zu einer hämischen Fratze verzerrt. Keuchende, lachende Laute stiegen aus ihrer Kehle empor, die eher tierischem Grunzen anmuteten. Ihre vorher so ordentlichen Haare fielen ihr in wirren Strähnen ins Gesicht. Die Luft schien erneut zu flirren und schwarze Punkte tanzten vor meinen Augen. Meine Knie wurden weich und es viel mir schwer, die Kontrolle über meine Glieder zu behalten. Schweißperlen rannen mir die Stirn herab, brannten in meinen Augen. Während die Frau unkontrolliert lachte polterte es über unseren Köpfen. Was passierte da nur? Ich wollte ihm helfen, doch wie? Ich war kaum Herr über meine Sinne. Meine Ohren dröhnten unerträglich. Schmerzvoll verzog ich das Gesicht und presste mir die Hände darauf. Taumelnd kämpfte ich mich Schritt für Schritt auf die Frau zu. Ein spitzer, glockenheller Klang durchschnitt das ohrenbetäubende Gelächter der Alten. Das Mädchen begann zu schreien. Ich konzentrierte mich auf das schneidende Geräusch. Der schwere Mantel rutschte langsam von meinen Gliedern. Ich nutzte den Moment und sprintete vorwärts. Überraschung blitzte in den Brillengläsern der alten Frau auf, als ich mit einem Ruck mein Eigentum vom Tisch klaubte. Ich weiß nicht, was sie damit tun wollte, doch ich war erleichtert, es nicht herauszufinden. Ein breites Grinsen verzerrte ihre missgebildete Fratze noch mehr, als sich die Falltür zum Dachboden wieder öffnete. Wann hatte sie sich geschlossen? Der Mönch polterte ächzend durch die Tür und landete etwas unsanft zwischen mir und dem schreienden Kind. Er stemmte sich hoch und griff nach der Kleinen. Sofort beruhigte sie sich etwas, weinte jedoch noch immer. Wir sahen uns an und hatten beide den gleichen Impuls. Flucht. Wir hechteten in Richtung Tür, doch kamen nicht mal einen Schritt weit. Plötzlich verstummte das Lachen der Alten und eine drückende Stille breitete sich im Raum aus. Ich schluckte. Es war die gleiche Stille, die mir im Wald mein Gehör und beinah meinen Verstand geraubt hatte. In den Augen des jungen Mannes sah ich, dass auch er diese quälende Stille wiedererkannte.

Ein leises Knacken durchbrach die Stille, doch es klang dumpf, wie in einem schalldichten Raum. Es verklang so plötzlich wie es aufgekommen war. Dann ein nächstes und ein nächstes. Über unseren Köpfen schien ein Titan über die morschen Dielen zu stampfen. Panisch sah ich zu dem Mann im weißen Mönchsgewand. Er sah noch verstörter aus als ich oder das Kind an seiner Hand. Was hatte er da oben gesehen? Was war dort auf den Weg zu uns? Der Fluchtimpuls in mir wurde immer stärker und schien meine Brust zersprengen zu wollen. Schmerzhaft schnell schlug mein Herz gegen meinen Brustkorb. Doch ich konnte mich nicht weiterbewegen. Wie gelähmt war ich dazu verdammt auszuharren. Das Mädchen begann wieder unkontrolliert zu schreien, doch auch ihr Schrei klang seltsam gedämpft. Etwas, dass wie ein knochiger Arm aussah schob sich durch die Falltür. Dann ein zweiter. Sie reichten fast bis zum Boden, ohne dass mehr von der Kreatur zu sehen war. Dann quetschte sich eine unförmige, schwarze Masse durch die Falltür. Die Arme stützen sich schwer auf den Boden. Nicht die Dielen knarrten wie morsches Holz, sondern die Glieder der Kreatur gaben diese Geräusche von sich, als seien sie sich selbst zu schwer. Immer mehr der Masse, die wohl der Körper zu sein schien quetschte sich durch die viel zu kleine Luke. Der Rahmen der Falltür knarzte und knackte. An einigen Stellen bildeten sich Risse und das Holz barst unter dem Druck der Kreatur. Ich konnte meinen Augen kaum glauben, was sie mir zu zeigen versuchten. Mein Gehirn sperrte sich für die Bilder, die meine Sehnerven aus den aufgenommenen Eindrücken formten. Was auch immer hier passierte, konnte nicht der Realität entsprechen. Wahrscheinlich lag ich ohnmächtig im Wald und durchlitt einen Fiebertraum. Das war die einzig logische Erklärung. Langsam schälte sich die Kreatur aus der eingerissenen Falltür. Weitere Arme krochen hervor und stützten das Wesen am Boden ab. Mit einem widerlichen Schmatzgeräusch löste es sich aus der Decke und plumpste zu Boden. Der Körper waberte und schien zu flackern. Er war unscharf und nur schwer zu erkennen. An einigen Stellen sah es fast so aus, als würde er Blasen schlagen. Angeekelt versuchte ich den Blick abzuwenden, doch ich konnte mich einfach nicht von dem grotesken Anblick lösen. Langsam wand und drehte sich der Körper, bis sich die Konturen einer Fratze daraus lösten. Sie waberte hin und her, das Gesicht verzog sich in jegliche Richtungen, nahm verschiedene Gesichter und verschiedene Ausdrücke an bis es sich vollständig vom Körper separiert hatte. Ein weiteres Knochengebilde löste sich und bildete eine Art Hals. Es knackte und knarzte mit jeder Bewegung. Die schwarze Masse löste sich tropfend vom Kopf, bis ein blanker Schädel freigelegt war. Er verzerrte sich knackend und schmatzend. Schwarze Augenhöhlen schabten sich aus dem Knochen und veränderten fortwährend ihre Größe. Ein hämisches Grinsen ritzte sich in das bleiche Gesicht. Die Zähne schienen langsam raus zu faulen, fielen in sich zusammen und formten ein schmales Lächeln. Die knackenden, schmatzenden Laute verstummten und die schreckliche Stille kehrte zurück. Der Raum schien sich um mich zu drehen. Immer und immer schneller. Ich hielt meinen Kopf, versuchte meine Augen von dem Wesen mit dem stummen Puppengesicht loszureißen. Doch vergebens. Das Mädchen schrie und weinte unentwegt, doch kein Laut drang an meine Ohren. Es dröhnte unaufhörlich. Ich schüttelte den Kopf, versuchte mich aus dieser Stille herauszuwinden, doch vergebens. So doll ich konnte presste ich meine Hände auf meine Ohren. Als ich sie wieder weg nahm sah ich das hellrote Blut. Meine Ohren bluteten. Auch der Mönch und das Mädchen starrten auf das Blut in ihren Händen, welches aus ihren Ohren lief. Knackend und knarzend bewegte sich das Porzelangesicht auf uns zu. Meine Beine waren schwer wie Blei, doch irgendwie schaffte ich es mich zu bewegen. Der Mönch und ich liefen aufeinander zu. Unsere Gesichter waren schmerzverzerrt und in den Augen des anderen sahen wir unsere eigene Angst. Der junge Mann griff nach meinen Händen und vergrub seine Fingernägel in meiner Haut. Der Schmerz trieb mir die Tränen in die Augen. Er sah mir tief in die Augen und ich wusste, was er mir sagen wollte. Ich sollte das Mädchen an mich nehmen und fliehen. Warum er nicht selbst die Flucht ergriff war mir ein Rätsel. Doch noch bevor ich die Hand des Mädchens ergreifen konnte krümmten sich beide und schrien vor inneren Schmerzen. Ihre Körper schienen sich um sich selbst zu drehen. Ihre Glieder verdrehten sich in unnatürliche Posen. Geschockt starrte ich sie an. Ich war zu keiner Reaktion fähig. Das Mädchen verdrehte sich zuerst so weit in sich selbst, dass es plötzlich verschwand. Kurz darauf geschah mit dem jungen Mönch das gleiche. Plötzlich war ich allein. Allein zwischen einem unmenschlichen Monster und einer verrückten alten Hexe. Die Alte lachte hysterisch als sie meinen panischen Anfall beobachtete. Ich starrte sie an. Meine Augen sprühten vor Wahnsinn. Was sollte ich jetzt tun? Wie sollte ich diesem Schicksal entfliehen? Ich war verloren, da war ich mir sicher. Die Alte grinste hämisch und hielt ein kleines Amulett in die Höhe. Die zwei Seiten des Medaillons zeigten zwei, vor Schrecken und Schmerzen verzerrte Gesichter. Der Mönch und das Mädchen. Dem Wahnsinn erliegend fing auch ich an schallend zu lachen. Ich drehte mich unentwegt im Kreis und tanzte der alten Hexe entgegen. Noch bevor sie auf Abstand gehen konnte griff ich nach ihrer Hand, hielt sie so fest ich konnte und kreischte laut, während ich sie mit mir umherwirbelte. „Dreh dich Püppchen! Tanz und dreh dich. Püppchen dreh dich!“, schrie ich wieder und wieder. Wie ein Verrückter drehte ich mich mit der alten Hexe in den Armen. Ich ergriff das Amulett und zog es ihr aus den Händen während ich ihr immer und immer wieder „Püppchen dreh dich. Tanz! Tanz und dreh dich! Püppchen. Tanz Püppchen. Tanz und dreh dich!“ entgegenschrie. Dem Monster mit dem glatten Puppengesicht schien der Tanz zu gefallen. Seine toten Augen folgten jeder Drehung und es begann, mit seinen Gliedern rhythmisch knackende Geräusche zu machen. Ich lachte und schrie und schrie und lachte. Wieder und wieder schrie ich der Hexe die Worte ins Ohr. Mit jeder Drehung bewegten wir uns ein Stück weiter zur Tür. Die Hexe versuchte sich aus meinem Griff zu befreien, doch ich drückte sie so fest an mich, wie ich nur konnte. Mit einer weiteren Drehung warf ich uns gegen die Tür. Ich brach in schallendes Gelächter aus, als wir durch die Tür tanzten und uns auf die Treppe zubewegten. Der knackende Rhythmus wurde lauter, dröhnte in meinen blutenden Ohren und folgte uns durch das gesamte Haus. Verzweifelt wehrte sich das alte Weib. Drehte und wand sich in meinen Armen. Ich bohrte meine Finger zwischen ihre Rippen, hielt sie noch fester umschlungen und drehte uns noch schneller. „Dreh dich! Püppchen tanz und dreh dich! Tanz Püppchen!“ schrie ich wieder und wieder. Die Alte wehrte sich mit aller Kraft, doch sie konnte sich nicht aus meinem Griff lösen. Leise knackten ihre Rippen, an denen ich mich durch Kleid und Haut festklammerte. Sie schrie vor Schmerz, stieß wilde Flüche aus und versuchte nach mir zu schlagen, jedoch vergebens. Wieder brüllte ich in ihr Ohr und drückte fester zu, während wir die Treppe hinunter tänzelten. Sie schrie hysterisch und ihre Fratze verzerrte sich, während weitere Knochen in ihrem Körper knackten. Als wir an der Haustür ankamen schrie ich ihr erneut ins Gesicht „Dreh dich! Tanz Püppchen, tanz!“ und warf uns, sie voran mit aller Wucht gegen die Tür. Wieder und wieder nahm ich mit einer Drehung Anschwung und warf uns gegen die Tür. Die Frau ächzte mit jedem Aufprall so sehr wie das Holz, gegen das ich uns warf. Als ich auf der Treppe hinter uns den wabernden Körper des grässlichen Porzelangesichts sah, welches uns ins Erdgeschoss folgte sammelte ich all meine Kräfte und warf uns erneut gegen die Tür. Das rhythmische Knacken der Glieder wurde schneller, schwoll mit jeder Drehung weiter an. Endlich barste die Tür nach Draußen. Die geschundene Hexe, welche mehrere Knochenbrüche – wenn nicht sogar Schlimmeres – erlitten hatte glitt aus meinen Armen und kam auf der Türschwelle zum Liegen. „Dreh dich Püppchen! Freiheit Püppchen! Renn und spring und dreh dich Püppchen!“ schrie ich aus vollem Halse und rannte mit einem wahnsinnigen Lachen in die Dunkelheit des Waldes.

Als ich am nächsten Tag zwischen den Wurzeln einer alten Kiefer erwachte steckte die Nacht wie ein Fiebertraum in meinen Knochen. Ich sah mich um. Der Wald erstrahlte im Sonnenschein und Vögel zwitscherten zwischen den Ästen. Ich setzte mich auf und lehnte mich zitternd an den Baum, froh darüber, dass ich letzte Nacht nur einem schlechten Traum erlegen bin. Langsam beruhigte ich mich, besah meine Kleidung und klaubte mein wenig Hab und Gut zusammen. Als ich in meiner Tasche etwas schweres fühlte stockte ich. Meine Finger glitten in die Tasche und zogen ein Amulett an einem schwarzen Lederband heraus… die zwei Seiten des Medaillons zeigten zwei, vor Schrecken und Schmerzen verzerrte Gesichter. Der Mönch und das Mädchen…

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s