Bienen

Die Luft war schwer und dick. Ein Surren ließ sie rhythmisch flirren. In regelmäßigen Abständen schwoll es zu einem wütenden Bienenschwarm an, nur um dann unerwartet wieder zusammenzufallen, in sich zu kehren und erneut in diesen flirrenden Schwarm zu explodieren. Die Luft bebte. Mit jeder neuen Welle wurde ein Stromstoß hindurch gejagt und ließ die Partikel funkeln und wirbeln. Sie spürte jede einzelne Welle über ihre Haut flimmern, dagegen drücken und sich um sie legen wie ein stickiger Mantel. Und er lag schwer auf ihren Knochen. Schweiß trat ihr auf die Stirn. Es strengte sie an. Jedes Mal. Mal mehr, mal weniger.

Mit geschlossenen Augen konzentrierte sie sich auf das Flimmern um sie herum und die Vibrationen unter ihren Füßen. Jede neue Welle stieß neue Vibrationen durch ihre Füße in ihren Körper. Ließ sie fühlen. Ließ sie leben. Ihr Herz pochte stark. Anfangs spürte sie jeden einzelnen Schlag gegen ihren Brustkorb. Es schrie nach Freiheit und drohte ihr durch die Brust nach draußen zu springen. Doch mittlerweile spürte sie es kaum noch. Nach wenigen Sekunden nahm ihr Herzschlag den Rhythmus der Druckwellen an und sie fühlte sich frei. Ihr Herz schien mit der flirrenden Luft im Einklang zu sein. Es fühlte sich nach Freiheit an. Sie war außerhalb ihres Körpers. Lebte, fühlte, atmete. Ihr Herz schlug. Mit jeder Welle schlug es. Freudig. Erregt. Voller Erwartungen. Voller Leben. Sie presste ihre Augen noch stärker zusammen, konzentrierte sich auf den bebenden Boden und atmete die stickige Luft ein, sog sie tief ein und ließ sie in ihren Lungen zirkulieren. Ein Husten wollte ihrer Kehle entsteigen, doch sie wehrte es ab, schluckte es runter und konzentrierte sich noch angestrengter auf den allumfassenden Rhythmus. Eine Schweißperle tropfte ihr in den Nacken und trieb ihr einen Schauer über den Rücken. Sie leckte sich über die trockenen Lippen und wippte zaghaft von einem Fuß auf den anderen. Ihre Lippen waren rau und spröde. Sie feuchtete sie erneut an und wagte einen weiteren Schritt. Erst langsam, dann immer schneller wippte sie von einem Bein auf das Andere.

Mit jedem Stromstoß wechselte sie das Bein und schob ihre Hüfte ein Stück hinaus. Links, rechts, links, rechts, links… Langsam wurde sie immer sicherer. Sie ließ sich von den rhythmischen Wellen umspülen und hinfort tragen. Langsam versank sie immer weiter, schnappte noch einmal kurz Luft, atmete stockend, hechelnd und ließ sich fallen. Die schwere Luft flirrte durch ihre Lungen, trieb ihr springendes Herz weiter an und zirkulierte mit ihrem wallenden Blut durch ihren Körper. Füllte sie ganz aus und wurde ein Teil von ihr. Ein weiterer Schritt, mutiger diesmal. Der Bienenschwarm in der Luft schwoll weiter an, wurde immer durchdringender, wütender. Ihr Körper kribbelte. Sie spürte die abertausenden Stiche unter ihrer Haut. In der Sekunde, als sich der Schwarm schlagartig wieder auflöste wagte sie eine Drehung. Sie verlor das Gleichgewicht und stolperte über ihre eigenen Füße, doch konnte sich rechtzeitig wieder fangen. Als sich die nächste Welle an ihr brach versteinerte sie wieder. Ihr Herz pochte zu schnell, es zerstörte die Harmonie, in welchem sie sich mit dem Rhythmus befand.

Wieder konzentrierte sie sich so intensiv sie konnte auf das Flirren der Luft. Versuchte in den Monsun einzutauchen. Plötzlich spürte sie ein Zupfen an der Schulter. Sie wollte sich dagegen wehren, es mit aller Kraft ignorieren, doch je mehr sie sich darauf konzentrierte, desto energischer wurde das Zupfen. Sie öffnete die Augen. Lichter blendeten sie in allen Farben. Schlagartig löste sich der Bienenschwarm völlig auf. Der Raum schien sich um sie zu drehen. Sie kämpfte mit den Tränen, wollte zurück in diese andere Welt. Fassungslos starrte sie in die dunklen Augen ihres Gegenübers. Der Mann war hübsch, seine braunen Haare fielen ihm in einzelnen Strähnen ins Gesicht. Sie hätte sich in ihn verlieben können, wenn er sie unter anderen Umständen angesprochen hätte. In diesem Moment starrte sie ihm bloß fassungslos ins Gesicht. Starrte mit Tränen in den Augen auf seine sich bewegenden Lippen, die keinen Ton von sich gaben. Binnen Sekunden war sie zurück in dieser einsamen, tonlosen Welt. In dieser Welt, in der sie sich wie eine Aussätzige fühlte.

Die Lippen des jungen Mannes tanzten im wechselnden Licht und verzogen sich dann zu einem Lächeln. Es wirkte offen, freundlich, einladend. Sie konnte ihn nur anstarren. Er hatte ja keine Ahnung. Er hatte keine Ahnung, dass sie ihn nicht hören konnte. Dass sie kein Wort verstand und keine Ahnung hatte, warum er sie jetzt anlächelte und worauf er wartete. Tränen liefen ihr über die Wangen. Ihr Herz pochte langsam, traurig, resigniert. Wie in Zeitlupe drehte sie sich von dem hübschen Gesicht weg. Nur verschwommen nahm sie die tanzende Masse um sich herum war. Paralysiert wandelte sie zwischen den Leibern umher zum Ausgang. Verwirrt blieb der junge Mann auf der Tanzfläche stehen und blickte der hübschen Tänzerin hinterher.

2 Kommentare zu „Bienen

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