Gedankenstürme *14

>> Konzerte sind etwas Unbekanntes, bei dem alles möglich ist. Genau jetzt wird etwas Wichtiges erschaffen, das nicht lediglich eine Reproduktion bereits vorhandener Kunstwerke ist, sondern das Kunstwerk entsteht in dem Moment, auf mehreren Ebenen und du bist auf eine ganz besondere Weise Teil davon. <<

Das war meine Antwort auf die Frage, warum ich so gern auf Konzerte gehe und warum es mir gerade eine ganz bestimmte Band angetan hat. Am 3. Oktober war ich nun schon zum sechsten Mal in Folge auf einem Konzert der Band ASP. 2015 war ich das erste Mal dabei gewesen und seitdem bin ich alle halbe Jahre auf einem Konzert anzutreffen. Meistens wild tanzend, headbangend und voll in die Musik eintauchend, in der ersten Reihe, in der Mitte. So auch zu besagtem Konzert, welches anlässlich des 10jährigen Jubiläums des Zaubererbruder-Albums, dem Krabat-Liederzyklus stattfand.
Da die Tour zum Zeitpunkt dieses Gedankensturms noch nicht beendet ist, möchte ich natürlich nicht (zu viel) spoilern. Wie für diese Band üblich, war der Abend einfach magisch, warum fällt mir nicht leicht in Worte zu fassen.
Gespannt wartete das Publikum, dass es endlich losgehen würde und auch wir waren bereits dreieinhalb Stunden vor Einlassbeginn da. Verrückt, könnte man meinen und hätte damit vermutlich sogar recht, aber was tut man nicht alles als Fan? Als wir ankamen (ca zweistündige Anreise von Erfurt nach Dresden) waren bereits ein paar andere da und auch nach uns kamen schnell weitere Fans. Die nächsten Stunden waren kein bloßes rumstehen und warten. Es war wie ein Familientreffen. Man trifft in diesem Moment meist immer dieselben Leute, die man auch die vorherigen Konzerte getroffen hatte. Dann quatscht man, macht gemeinsam Kaffekränzchen (es gibt wirklich immer jemanden der Kaffee oder Verpflegung für viele dabei hat). Für außenstehende gibt das wohl ein faszinierendes Bild: ein Haufen schwarz gekleideter, bösartig aussehender Wesen steht zusammen, trinkt Kaffee und lacht. Aber es ist ein schönes Gefühl, mit diesen etwas seltsamen Wesen zusammenzustehen. Um nicht zu sagen, es fühlt sie ein bisschen wie Familie an. Und das ist ein Punkt, den ich an Musik einfach abgöttisch liebe. Sie überwindet jegliche natürlichen und vom Menschen geschaffenen Grenzen, sie erreicht alle und vor allem vereint sie Menschen miteinander. Warum war nun gerade diese Tour so besonders für mich? Nun, diese Frage ist für mich wirklich nicht leicht zu beantworten. Ich fühlte mich verbunden. Mit dem Publikum und mit den Musikern. Die Musik webt ein ganz eigenes, faszinierendes Band zwischen diese Parteien und jedes Individuum, das sich innerhalb dessen befindet und verbindet sie für einen kurzen Moment, sowie fürs ganze Leben. So könnte man das, glaube ich, zusammenfassen. Das Konzert begann ruhig mit dem Lied Betteljunge, das erste Lied des Albums. Nur logisch, wenn das Konzert diesem Album gewidmet ist und dieses Album eine Geschichte erzählt. Krabats Geschichte. (Allein deswegen kann ich dieses Album [und diese Band] nur jedem Literaturnerd [besonders Krabat und Fans der schwarzen Romantik] wärmstens empfehlen!) Dennoch war es einfach überwältigend, zu sehen, wie Asp (=der Sänger der Band ASP) selbst mit der Musik und seinen Texten mitgegangen ist. Zu sehen, wie der Text seinen Gemütszustand zu beeinflussen und damit Mimik und Gestik zu ändern scheint und die Tatsache, dass das auch im Gesang spür- und hörbar wird – einfach mitreißend. Asp versteht es, das Publikum an seinen Gefühlen Anteil haben zu lassen, ja uns darin zutiefst eintauchen und manchmal auch ertrinken zu lassen. Und das ist wunderschön. So schaffen es Lieder, die beim bloßen hören zuhause ein Schmunzeln entstehen oder mich seufzen lassen, dass ich im Moment des Konzerts von diesen Gefühlen völlig übermannt, hinweggespült und aufgesogen werde. Gänsehaut, ein wohliger Stich im Herzen, Tränen in den Augen und der Drang zum Tanzen, der Drang diese wundervollen Gefühle zu erleben und rauszulassen, sind meine Reaktion auf das, was da vor mir auf der Bühne passiert. Oft mache ich das zuhause. Allein. Musik hören und ganz bewusst fühlen und wahrnehmen und geschehen lassen, was sie mit mir macht. Doch niemals ist es schöner, als unter Gleichgesinnten, die diese Gefühle mit dir teilen. Und auch bei diesem Konzert war wieder alles dabei. Freude, Trauer, (Herz)Schmerz, Glück, Furcht, Liebe…
Besonders schön ist es mitanzusehen, das Asp selbst jedes Mal völlig überwältigt ist. Das Publikum lässt sich nicht einfach von ihm entführen, nein, es geht mit. Jeden Schritt, jede Note, jedes Wort gehen wir gemeinsam und das spürt man. Nach jedem Lied wird gejubelt und gejubelt, dass selbst Asp sich kaum halten kann und verblüfft in das Publikum starrt. Es ist so wunderschön mitanzusehen, dass nicht nur der Künstler großen Einfluss auf uns hat, sondern wir auch auf ihn. Es ist eine Art Wechselspiel. Das eine kann nicht ohne das andere sein und beides ist froh um des anderen willen. Wir sind ein Kollektiv. Stehen gemeinsam am Abgrund und lauschen. Wir wollen brennen. Für euch und für uns. Es ist wie eine magische Verbindung. Und jede Begegnung hinterlässt Spuren aneinander.

Definitives Highlight des Konzerts in Dresden ist aber einer Frau aus dem Publikum geschuldet:

Als Asp in einer Ansage meinte, dass es bei allem nur einen wahren Zauberspruch gibt (eigentlich eine Anspielung auf den Verwandlungen I-III Refrain „Abrakadabra! Worte sind Waffen. Abrakadabra! Sie können dich zerbrechen. Abrakadabra! Ich werd‘ neu erschaffen. Abrakadabra! Ich bin das was ich spreche.“) rief eine junge Frau in die Stille hinein „Expelliarmus!“. Asp war kurz verwirrt, das Publikum lachte und die Frau bekam einen – wohlverdienten – Applaus.

Während eines anderen Konzerts sagte Asp einmal:

„Ich denke in den letzten Jahren immer mehr darüber nach, was ist Musik überhaupt und welche Bedeutung hat sie noch für unser Alltagsleben und ich habe immer noch ganz stark den Glauben, dass Musik viel mehr ist als nur Nullen und Einsen die man im Internet hin und her schieben kann. Ich glaube nicht mal, dass Musik in irgendeiner Form Content ist, sondern Content ist erst das, was die großen Konzerne daraus machen, wenn sie es uns geraubt haben. Das ist es glaube ich. Aber das wichtigste, das allerwichtigste für mich ist, dass Musik mir immer das Gefühl gegeben hat, vielleicht der einzige annähernde Beweis zu sein, dass der Mensch so etwas wie eine Seele hat.“*

Ich finde, diese Worte beschreiben es einfach unglaublich gut. Ich freue mich schon auf das nächste Konzert, auch wenn ich dafür vielleicht wieder ein Stück weit fahren muss. Aber für so eine magische Begegnung kann man das schonmal machen.

*Ansage: Seele – LiveAlbum „ASP Auf rauen Pfaden – Rar und Pur & Best of Rock CD4“

3 Kommentare zu „Gedankenstürme *14

  1. Oh, du hast zu diesem wunderbaren Zitat, bzw. zu dem Konzert einen gesamten Gedankensturm geschrieben. ❤
    An der einen Stelle musste ich schmunzeln, Klammern in Klammern in Klammern. 😀
    "Wir sind ein Kollektiv. Stehen gemeinsam am Abgrund und lauschen. Wir wollen brennen. Für euch und für uns. Es ist wie eine magische Verbindung. Und jede Begegnung hinterlässt Spuren aneinander." – wunderschön beschrieben, genauso ist es!
    Und geschlossen hast du es auch wieder mit dem anderen schönen Zitat!
    Hach, ich habe Gänsehaut beim Lesen bekommen, denn was solche Erlebnisse betrifft hast du in mir, wie wir schon festgestellt haben, einen Seelenverwandten. :3
    Wie passend, ich wollte heute Abend endlich den Bericht für das Konzert in Jena schreiben, da bin ich jetzt in genau der richtigen Stimmung für. c:

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    1. Hui es freut mich, dass es dir so sehr gefällt 😊 ja, ich musste diese Zitate einfach irgendwie „bearbeiten“. Über die klammern musste ich selbst schmunzeln xD hab sie auch deswegen drinnen gelassen^^ ich kann es kaum erwarten, deinen Bericht zu lesen 😀

      Gefällt 1 Person

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