Geschmack der Sinnlosigkeit

Erschöpft zog er an seiner Zigarette und pustete den Rauch in den Nachthimmel. Er wollte irgendetwas sagen, er hatte das Gefühl, er musste irgendetwas sagen, doch er wusste nicht, was er sagen sollte, also sagte er nichts. Die Stille schob sich wie eine Mauer zwischen die Beiden und er fühlte sich so einsam, wie schon lange nicht mehr. Unschlüssig scharrte sie mit dem Fuß auf der Erde. Ihr Blick war nach unten gerichtet, vermutlich ertrug sie es nicht mehr, ihm ins Gesicht zu sehen und er konnte es ihr nicht verdenken. Eine gefühlte Ewigkeit saß er dort, auf der Lehne der Parkbank und beobachtete sie.
Nervös friemelte er eine neue Zigarette aus seiner Schachtel und versuchte, sie sich anzuzünden. Seine Hände zitterten so sehr, dass es an ein Wunder grenzte, als die Zigarette endlich aufglimmte und er das Nikotin tief in seine Lungen saugte. Er fühlte sich wie ein Ertrinkender, der nach Luft gierte, sobald er ein Stück über die Wasseroberfläche kam. Das Rauchen mit dem Luftholen eines Ertrinkenden zu vergleichen, war absurd, dass wusste er selbst und dennoch fand er kein besseres Bild, um seine Gefühle zu beschreiben.
Die Glut fiel von seiner Zigarette ab und er beobachtete den Rauch, der in dünnen Schwaden in den Himmel glitt und sich in nichts auflöste. Er war wie eine Zigarette. Sein Leben war wie der Rauch. Der Gedanke machte ihm noch schwermütiger zu mute und seine Schultern sackten kaum merklich ab. Wieder glitt sein Blick zu der blonden Schönheit. Noch immer stand sie da und starrte gedankenverloren auf den Boden. Er fragte sich, was sie dachte. Am liebsten hätte er sich ganz klein gemacht, um in ihre Gedanken zu schlüpfen und an diesem prächtigen Ort zu leben. Ihre zarte Stimme durchbrach seine Tagträume und etwas verwirrt starrte er in ihr hilfloses Gesicht. „Ich liebe dich“, hörte er sie unter einem Tränenschleier sagen.
Wieder hatte er das Gefühl, irgendetwas sagen zu müssen, doch die Worte, die seine Sprache bildeten, reichten einfach nicht aus, um irgendetwas zu beschreiben, das in ihm vorging. So sagte er wieder nichts und war sich dessen bewusst, wie arrogant und unnahbar das auf sie wirken musste. Er hörte sie seufzen und ein geflüstertes „Arsch“ zwischen ihren Lippen hervor pressen, ehe sie sich umdrehte und in die Nacht hinein verschwand.
Seine Zigarette knisterte, als er erneut daran zog. Mit einem langen Seufzer entließ er den Rauch aus seinen Lungen in die Nacht und ließ mit ihm seine Hoffnungen davon fliegen und sich in nichts auflösen. Er war nicht unfähig zu lieben. Eigentlich liebte er sogar viel zu sehr. So wie er jedes Gefühl viel zu sehr empfand und sich manchmal wünschte, einfach taub und abgestumpft zu sein. Er konnte seine Gefühle nur nicht in Worte fassen und hatte Probleme, sie für andere verständlich zu zeigen. Er war ein Außenseiter, ein sogenannter „Bystander“, ein Beobachter. Er war der Schatten zwischen den Häusern, den nie jemand bemerkte und von dessen Existenz keiner etwas wissen will. Gerade deshalb konnte er nie verstehen, wie so ein zartes Geschöpf, wie sie eines war, Liebe für ihn empfinden konnte. Natürlich hatte es ihn gefreut, jedoch konnte er diese Freude nie zeigen. Er wusste nicht wie und die Gefühle überforderten ihn. Er schloss sie in sich ein. Tief drinnen, in eine kleine Box und schlang tausende Ketten darum. Er wollte sich nicht so hilflos fühlen, also kapselte er sich von seinen Gefühlen ab.
Er warf den nächsten Zigarettenstummel auf den Boden und starrte in die Dunkelheit, in der sie verschwunden war. Er ertrank. Schon wieder. Und da war keiner, der ihm einen Rettungsring zuwerfen konnte, also griff er erneut zur Sauerstoffflasche und zündete sich seine nächste Zigarette an. Wenn er so weiter machte, würde er die gesamte Schachtel an einem Abend geraucht haben. Das Nikotin schmeckte bitter auf seiner Zunge und er versuchte den Geschmack hinunter zu schlucken, wie er es sonst mit seinen Gefühlen machte.
Keinesfalls hatte er ihr wehtun wollen, doch wusste er, anders als sie, von Anfang an, dass er toxisch für sie war. Er konnte sich nicht ändern und sie konnte ihn auch nicht ändern. Dennoch hatte sie es versucht. Wollte ihm etwas von ihrer Lebensfreude abgeben und ihn aus seinem Loch holen, was er sich so mühsam gegraben hatte. Stattdessen färbte er immer mehr auf sie ab. Wie ein Parasit hatte er sich an ihr Herz geheftet und ihren Lebenssaft verzehrt, bis sie einfach nicht mehr konnte. Das war es, wie er sich fühlte. Wie ein Parasit. Eine niedere Lebensform. Ein des Lebens unwürdiges Lebewesen, dass auf kosten anderer lebte, bis sie es bemerkten. Der letzte Zug der Zigarette wärmte seine Lippen, wie es sonst ihre Lippen getan hatten. Unfähig die Kraft aufzubringen, um ihn wegzuwerfen, ließ er den Stummel fallen und stand langsam auf.
„Ey, deine Pause ist zu Ende!“, rief sein Kollege, der sich durch die schwere Tür nach draußen quetschte und sich bereits seine erste Zigarette anzündete. Ohne ihm zu antworten, schob er sich an seinem Kollegen vorbei und huschte zurück in die Bar.

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