Montagsfrage August19_01

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Ja, ich weiß. Es ist Sonntag, nicht Montag. Ich bin diese Woche mit der Beantwortung der Montagsfrage leider etwas (ok sehr) spät dran. Jedoch stellte lauter&leise diesen Montag eine doch recht kontroverse und interessante Frage, zu der ich als angehender Literaturwissenschaftler doch sehr gerne meinen Senf dazu geben möchte (alles, was jetzt folgt ist also meine persönliche Meinung basierend auf meinem Studium und den darin behandelten Fachtexten).

Die Frage lautet:

Wie wichtig ist der Autor eines Buches?

„Der Autor ist tot“ (von Barthels formuliert im Sinne von nietzsches „Gott ist tot“) ist – wie lauter&leise in ihrem eigenen Beitrag schon sagte – eine bekannte These der Literaturwissenschaft. Dabei wird schon seit gefühlten Ewigkeiten darüber debattiert welchen Stellenwert der Autor als Instanz für das fertige Werk einnimmt. Ist alles, was im Buch steht auf den Autor zurück zu beziehen? Oder sollte jegliches Wort vom Autor abgekoppelt betrachtet werden? Wenn schon die Literaturwissenschaftler sich darüber nicht einig werden können, wie soll ein Ottonormalleser dieses Dilemma bewerten?

Ich denke, man muss für diese Frage differenzieren, wie die Frage gemeint ist. Bezieht sie sich auf die Existenz einer Geschichte, also eines Buches oder Buchbandes, so kann man sagen „der Autor lebt“! Denn ohne ihn würde es diese Geschichte (egal in wie vielen Büchern sie erschienen ist) nicht geben. Betrachtet man also die Entstehungsgeschichte eines Werkes (ich schließe hier absofort einzelne Bücher und auch Buchreihen oder Mehrbänder mit ein. Das jedes Mal mit aufzuzählen ist mir zu aufwendig.) oder interpretiert man Teile des Buches im Hinblick auf geschichtliche Ereignisse, Gegebenheiten, Parallelen, o.ä. so ist der Autor, sein Einfluss (im Sinne von was-ihn-beeinflusst-hat), seine Arbeitsweisen/Methoden, Wissensstand, Anspielungen, o.ä. in die Betrachtung miteinzubeziehen. Man könnte also sagen, betrachtet man die Vergangenheit des Buches ist der Blick auf den Autor unerlässlig.

Jedoch stimmt es in gewisser Weise, wenn man sagt „der Autor ist tot“. Wieso? Das erkläre ich gern. Die Möglichkeiten der Interpretationen eines Werkes sind schier unendlich. Das bedeutet: der Autor ist nur ein kleiner Teil, sozusagen ein Detail einer Interpretation. Die Interpretation eines Werkes kann die Existenz des Autors übersteigen. Das nennt man dann Intertextualität, damit bezeichnet man den Bezug von Texten zu anderen Texten, wie etwa eine Anspielung.

Ein Beispiel kann Rammsteins „Haifisch“ sein. Im Refrain heißt es „Und der Haifisch, der hat Tränen // und die laufen vom Gesicht // doch der Haifisch lebt im Wasser // so die Tränen sieht man nicht.“ Dies kann als Anspielung auf die Moritat von Mackie Messer aus Bertold Brechts Dreigroschenoper gesehen werden, darin lautet der Text: „Und der Haifisch, der hat Zähne // und die trägt er im Gesicht // und Macheath, der hat ein Messer // doch das Messer sieht man nicht.“ Die Ähnlichkeit des Textes ist offensichtlich, jedoch handelt es sich nicht um genau den gleichen Text, sondern um eine abgewandelte Form. Es kann also davon ausgegangen werden, dass die Moritat als Inspiration für das Lied gedient hat.

Intertextualität wird dabei in bewusste und unbewusste unterschieden. Anspielungen gehören zur vom Autor bewusst gewählten Intertextualität. Er WILL einen Bezug zu einem anderen Text schaffen und seinem eigenen Werk damit eine tiefere Ebene verleihen. Daneben stehen unbewusste Bezüge. Diese Bezüge nutzen wir beispielsweise, um Geschichten in Genre zu kategorisieren. Bei den Worten Elf, Halbling, Drache, Fee, Schwert, Krieger und Engel denkt nun vermutlich jeder an irgendein Fantasybuch. Oder bei Blut, Angst, Psyche und Verbrechen an einen Thriller oder Krimi. Diese Bezüge sind unbewusst, da der Autor NICHT absichtlich auf ein anderes Buch dieses Genres anspielen will, sondern die Tatsache, dass er diese Grundzüge verwendet dem Genre geschuldet sind, in dem der Autor schreiben möchte.

Klingt doch alles logisch und nachvollziehbar. Leider sieht die Realität jedoch etwas ander aus (wie so oft). So schön diese Einteilung in bewusste und unbewusste Intertextualität auch ist, in einer Interpretation lässt sich das nur sporadisch anwenden, denn wir können die Autoren nicht fragen. Also bei einigen könnten wir es schon, aber ob ihre Antwort, was sie sich wie und warum gedacht haben auch mit der damaligen Realität übereinstimmt oder nicht, ist fraglich (hust J.K. Rowling hust). Und spätestens dann, wenn der Autor verstorben ist, erübrigt sich diese Frage sowieso (esseidenn man hat zufällig ein Oujia-Brett zur Hand, dann kann man es ja mal versuchen!).

Außerdem gibt es auch Autoren, die ich persönlich als Zombie-Autoren bezeichne. Also Autoren die trotz des „der Autor ist tot“ (man könnte sagen „mindestens bewusstlos“ so lange wie er keine weiteren Werke schreibt, die in der Welt eines existierenden Werkes angesiedelt sind) aus ihrem Grab steigen und meinen, zu ihren eigenen Texten noch nachträglich irgendwelche Erklärungen abgeben zu müssen (hust schon wieder J.K. Rowling hust).

An dieser Stelle möchte ich gerne als kleinen Abschluss eine Dozentin von mir zitieren, die das Problem der bewussten und unbewussten Intertextualität und der Wichtigkeit des (Zombie-)Autors für Interpretationen wie folgt löst:

„Es ist völlig egal, was uns der Autor mit seinem Werk sagen will. Diese Frage stellen wir uns überhaupt nicht. Wir betrachten den Text und schauen, was der Text uns von sich aus sagen kann. Alles, was uns der Text sagt, jede Interpretation, die am Text belegbar ist [also die mit Textstellen erklärt werden kann] ist zulässig, unabhängig davon, ob der Autor uns das mit dem Text sagen wollte oder nicht. Und lässt sich das, was der Autor mit seinem Werk sagen wollte, nicht am Text belegen, so ist das für eine Interpretation nicht relevant.“

(Freies Zitat aus einem Seminar zu Novellen)

Wie bewertet ihr die Wichtigkeit des Autors? Ist er tot? lebt er? Oder ist er ein Zombie, der seinen Tod nicht akzeptieren kann/will?

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