Gedankenstürme #20

Ich sitze bei meinen Großeltern am Essenstisch. Meine Oma steht neben mir am Herd. Es gibt Hähnchenflügel zum Abendessen. So lange ich denken kann gibt es immer Flügelchen zum Abendessen, wenn ich hier übernachte. Oder Nudeln mit Tomatensoße. Aber meistens gab und gibt es Flügelchen.

Ich liebe Flügelchen und mein Opa liebt Flügelchen auch. Ich glaube, deshalb mag ich sie so sehr. Eine der frühesten Essenserinnerungen, die ich habe, ist, wie ich mit meinem Opa im Garten bin – wir haben Erdbeeren gegossen und ich habe ein paar genascht – und Opa macht den Grill an. Es gibt Flügelchen. Grinsend dreht der Mann mit der gebräunten Haut die Flügelchen, bis ihre Haut so braun ist wie seine. Mit einem breiten Grinsen sitze ich daneben und lasse mir die Welt erklären. Ich weiß nicht mehr, was er mir erklärt hat, aber ich weiß noch, wie mir der etwas beißende Grillgeruch in die Nase stieg.

Heute sitzt mein Opa am Tisch neben mir. Er ist alt geworden und mir kommt das alles so plötzlich vor. Seine Hände zittern, während er nach einem Flügelchen greift, seine Haut ist längst nicht mehr so gebräunt und mittlerweile ganz faltig und an seiner Nase hängt ein Sauerstoffschlauch.

Meine Oma setzt sich neben mich – sie isst Wienerchen, weil sie keine Flügelchen mag. Ich erzähle irgendwelche lustigen Sachen, die mir in der Uni passiert sind. Dabei rede ich etwas lauter als normalerweise. Mein Opa gibt mir eines seiner Flügelchen rüber. Früher hat jeder von uns zehn Stück gefuttert, heute schafft er keine fünf.

Plötzlich nehme ich alles viel intensiver war. Der beißende Dunst, der in der Küche steht und mir in die Nase beißt, der viel zu laut eingestellte Fernseher und Opas stolzes Lächeln, als ich nach dem siebten Flügelchen greife.

Allmählich tut der Moment weh. Ohne es wirklich zu wollen, aber auch ohne etwas dagegen tun zu können, realisiere ich mit der Wucht eines Faustschlags, dass ich das alles irgendwann mal verlieren werde.

Eines Tages wird mich der bloße Gedanke an Flügelchen zum Weinen bringen. Eines Tages werde ich mir wünschen, dass ich die Zeit mit ihnen besser genutzt hätte. Und egal, wie viel Zeit ich mit ihnen verbringen werde, egal wie oft ich hier übernachten werde, ich werde mir das am Ende dennoch wünschen. Denn wenn es soweit ist wird alle Zeit der Welt nicht genug gewesen sein…

2 Kommentare zu „Gedankenstürme #20

  1. Das ist so ehrlich und tiefsinnig… Danke. Es ist so schön und traurig zugleich! Außerdem erinnert es mich an meine eigenen Großelterchen und an all die Momente, die man mit seinen älteren Familienmitgliedern genießen durfte.

    Ich freue mich für dich. Denn diese Flügelchen werden dir sicherlich auch immer wieder die wunderbaren Erlebnisse mit ihnen ins Gedächtnis rufen. C:

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